Ein halbes Jahr Auf und Ab:

Das LSBTIQ*-Schild im Dortmunder Westpark

Es ist leider nicht zu leugnen: Menschen, die sich nicht den Kategorien Mann oder Frau und heterosexuell zuordnen lassen oder lassen wollen, werden auch im Jahr 2021 noch kritisch beäugt, ausgegrenzt, abgewertet. Einmal mehr zeigt das die Aktion „Regenbogen-Zebrastreifen“ des AWO-Projektes ‚Zukunft mit Herz gestalten!‘ im Dortmunder Westpark. Aber der Reihe nach.

Im Herbst 2020 setzten wir im Rahmen unseres, vom Bundesprogramm Zusammenhalt durch Teilhabe geförderten Projektes ein Zeichen für Toleranz und Gleichstellung. Gemeinsam mit einer Reihe Kooperationspartner*innen malten wir am Eingang zum Dortmunder Westpark – im Stile eines Zebrastreifens – regenbogenfarbene Balken auf den Boden.

 

Anja Butschkau, Vorstandsvorsitzende des AWO UB Dortmund, und Ralf Stoltze, Bezirksbürgermeister Innenstadt West, bei der gemeinsamen Aktion im vergangenen September

Der Regenbogen, ein Zeichen der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, Transidenten-, Intersexuellen- und queeren-Community, schmückt seitdem die Ecke Lange Straße/ Westpark. Neben dem bunten Zebrastreifen platzierten wir ein Schild.

Oktober: Erste Tags und Sticker

Es dauerte nicht lange, da kam, was wohl kommen musste. Ein Schild an so prominenter Stelle bleibt natürlich nicht lange unberührt, sondern wird getaggt und beklebt, damit war zu rechnen. So dann auch geschehen, wenige Wochen nach dem Aufstellen.

Die getaggten Namen waren in der Regel in Dortmund und/oder Umgebung bekannt, verbreitet und entsprechend nicht als gezielt homophobe Botschaften zu verstehen. Auch drauf geklebte Sticker schienen dort rein zufällig und beliebig und nicht als zielgerichtete Provokation gegen Antidiskriminierungsarbeit platziert.

Obwohl (oder gerade weil) Tags dieser Art nicht überraschen, machen sie die Botschaft des Schildes jedoch irgendwann unsichtbar. Das bedeutet: es muss regelmäßig saubergemacht werden – eine Herausforderung, der wir uns immer noch stellen. Schließlich wollen wir nicht direkt klein beigeben. Unser Schild ist ja nicht das einzige im öffentlichen Raum, das solche „Verzierungen“ trägt.

Dezember: Das Schild ist weg…

Aceton und ein Schwamm halfen bloß leider nicht mehr, als das Schild schließlich im Dezember vergangenen Jahres einfach verschwunden war. Die schönen regenbogenfarbenen Träger standen noch, das Schild aber fehlte. Am Tag darauf wurde es nicht weit entfernt gefunden.

Offenbar fühlte sich jemand berufen, das Schild halb abzumontieren, halb abzureißen. Ein, wie wir finden, recht aufwändiger und nicht gerade kreativer Weg, um sich für eine verklemmte, reaktionäre Gesellschaft zu engagieren.

Glücklicherweise konnten wir das Schild mit vereinten Kräften wieder halbwegs geradebiegen und erneut aufhängen. Etwas gezeichnet, leicht ramponiert, aber immer noch fest entschlossen, Passant*innen eine frohe, zuversichtliche Botschaft mit auf den Weg zu geben.

Januar: Tags und Sticker, zweite Runde

Was in der Folgezeit passierte, war zu erwarten und kein Anlass zu größerer Aufregung: weitere Tags, wieder bekannte Namen, und wieder – so stand zu vermuten – kein homophober Hintergrund. Hauptsache, so sagten wir uns, neben bzw. unter den Tags ist die Botschaft noch einigermaßen lesbar.

März: Noch mehr Sticker, diesmal gezielt

Zu den Tags kamen allerdings Schmierereien und schließlich Aufkleber der anderen Art hinzu. Das meint nicht deren Aussage – sie waren vom Lucky Loot, einem Laden für Second-Hand-Klamotten ganz in der Nähe. Ein Ort, an dem man wohl eher tolerante Menschen erwarten würde. Und das völlig zu Recht. Aber dazu später.

Auffällig war vielmehr die jetzige Platzierung der Sticker. So deckten sie exakt die Worte lesbischen, schwulen, bisexuellen, transidenten, intersexuellen und queeren ab. Zu lesen war dann nur noch: Zeig dich solidarisch… mit Menschen. Sicher keine verwerfliche Botschaft. Warum also hatten wir ein Problem damit?

Indem jemand die Begriffe lesbisch, schwul, bisexuell, transident, intersexuell und queer abdeckt, sendet diese Person eine implizite Botschaft, die wir so nicht stehen lassen: Sie leugnet, dass manche Menschen und Menschengruppen in besonderer Weise von Diskriminierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen sind.

Die Person hält es deshalb offenbar für unnötig, spezifische Abwertung sichtbar zu machen und Betroffene zu schützen. Die Sticker-Botschaft ließe sich dann auch so deuten: es ist egal, ob jemand Mann, Frau oder trans* ist, sei solidarisch mit allen – ganz so, als ob es keinen Unterschied mache, ob jemand hetero-, homo-, intersexuell oder trans* ist. Schön wär’s.

So weit ist unsere Gesellschaft leider noch lange nicht. LSBTIQ*-Personen werden tagtäglich angefeindet, bekommen Klischees, Vorurteile und dumme Sprüche zu hören, Witze werden auf ihre Kosten gemacht und viel zu oft gipfelt so etwas in Hass, Hetze und homophober Gewalt. Dass unser Schild und seine Botschaft nicht einfach so stehen gelassen werden können, sagt ja auch etwas drüber aus.

#blacklivesmatter! Nicht #alllivesmatter!

Den Betroffenen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit solche Erfahrungen abzusprechen, sie abzutun, nicht ernst zu nehmen, vielleicht sogar zu verniedlichen oder verächtlich zu machen, zementiert und fördert Ungleichbehandlung und legitimiert Gewalt. Ein Beispiel dafür war jüngst eine höchst fragwürdige Antwort auf die #blacklivesmatter-Bewegung (‚Black Lives Matter‘ bedeutet: ‚Schwarze Leben zählen‘).

Als Millionen Menschen weltweit gegen Ungleichbehandlung und Gewalt gegen schwarze Menschen auf die Straße gingen, kursierte rasch eine Gegenbewegung namens #alllivesmatter (‚Alle Leben zählen‘). Diese war geprägt von rassistischen und demokratiefeindlichen Akteur*innen. Ihr Ziel: mit ihrem Slogan spezifischen, gegen Minderheiten gerichteten, strukturellen Rassismus und dessen Auswirkungen zu leugnen – und somit zu fördern.

Lucky Loot solidarisiert sich mit LSBTIQ*-Personen

Aber zurück zu unserem Schild: Wir waren neugierig und kontaktierten das Lucky Loot. Man gab uns sogleich zu verstehen, dass die Sticker nicht von den Ladenbetreiber*innen oder deren Umfeld aufgeklebt wurden. Solche Sticker werden vielfach mitgenommen und nach dem Gießkannenprinzip großzügig und –flächig verteilt.

Die Leute vom Lucky Loot konnten unsere kritische Haltung zur Art und Weise, in der die Sticker – von wem auch immer – geklebt wurden, absolut nachvollziehen. Man fände unser Projekt richtig und wichtig und solidarisiere sich mit der LSBTIQ*-Community. Tatsächlich gäbe es auch Sticker vom Laden in Regenbogen-Farben.

Ohne, dass wir sie im Rahmen unseres konstruktiven Austauschs explizit darum gebeten hätten, entfernten die Ladenbetreiber*innen die eigenen Sticker. Außerdem machten sie auf ihrem Instagram-Kanal auf die Sticker aufmerksam und baten ihre Follower*innen, damit in Zukunft doch bitte keine Botschaften für ein respektvolles und demokratisches Miteinander mehr zu überkleben. Ein starkes Zeichen!

Unser Schild – der letzte Stand, Mitte März 2021

Es gibt Gegen-, aber auch Rückenwind

Dass unser Schild den einen oder die andere irritieren würde, dass sich Menschen von diesem Statement für eine offene Gesellschaft in ihrer Identität bedroht fühlen würden und dass so ein Schild eine gute Angriffsfläche bietet – all dies war und ist unseren Kooperationspartner*innen und uns klar. Ein Trost ist es aber nicht und abfinden sollte man sich damit erst recht nicht.

Die Aktion und alle Folgereaktionen zeigen vielmehr, dass noch viel zu tun ist im Hinblick auf die offene und vielfältige Gesellschaft. Sie zeigen einerseits, dass es viele Leute gibt, die die offene Gesellschaft und ihre Voraussetzungen für eine gute Idee halten und deshalb selbstverständlich für gleiche Rechte und ein Leben ohne Ausgrenzung und Abwertung für LSBTIQ*-Personen einstehen. Anderen wiederum scheinen die Emanzipationsbestrebungen von Minderheiten auch noch im Jahr 2021 eine Zumutung zu sein, der sie meinen, etwas entgegensetzen zu müssen.

Das motiviert uns nur noch mehr, weiter an diesen Themen zu arbeiten. Denn auch das zeigen Studien: der Großteil unserer Gesellschaft ist tolerant und solidarisch. Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes befürworten 95 Prozent der Deutschen ein gesetzliches Diskriminierungsverbot gegenüber Homosexuellen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ein weiterer Lichtblick: Der Regenbogen-Zebrastreifen blieb bislang unberührt und erfreut immer wieder Menschen (insbesondere Kinder!), die darüber laufen. Auch das Schild haben wir wieder mal saubergemacht und es steht weiterhin. Etwas gezeichnet, leicht ramponiert, aber voller Zivilcourage.